Ausdauersport ist gesundheitsfördernd

Auswahl kleinerDr. med. Henning Köhler ist leitender Oberarzt für Kardiologie und Sektionsleiter Angiologie im Klinikum Werra-Meißner. Nach seinem Examen in 1988 hat er seine internistische Ausbildung in Eschwege gemacht und 21 Jahre im Herz-Kreislauf-Zentrum Rotenburg gearbeitet. Seit 2017 arbeitet er wieder im Klinikum Werra-Meißner.
Der 59-jährige interessiert sich seit seiner frühen Kindheit für Sport. Während sich anfänglich alles um Fußball drehte, kam in der Studienzeit das Laufen hinzu. Damals nahm er an vielen Wettkämpfen teil, heute steht der Spaß- und Gesundheitsfaktor im Vordergrund. Das Radfahren, egal ob Rennrad oder Mountainbike, ist heute seine Lieblingsbeschäftigung. Skifahren kommt bei dem Arzt auch nicht zu kurz. Eine Woche ohne Sport ist für ihn „kaum auszuhalten“.
In einem Interview erzählt der Kardiologe, welcher Sport die Herzgesundheit fördert und wann Ausdauersport krank machen kann.

Was müssen SportlerInnen beachten, die lange nichts gemacht haben oder gar noch nie Sport betrieben haben?

Wenn man älter als 40 Jahre ist sollte man sich in jedem Fall untersuchen lassen, da ab diesem Alter die Risiken für Blutdruckerkrankungen, Diabetes oder Durchblutungsstörungen steigen. Es genügt ein Check beim Hausarzt: Körperliche Untersuchung, Ruhe- und Belastungs-EKG. Das ist zusätzlich sinnvoll, da er die Patient*innen oft kennt und so Aussagen über die gesundheitliche Vorgeschichte und die familiäre Vorbelastung treffen kann. Gibt es bei dieser Untersuchung Auffälligkeiten, ist auf jeden Fall eine weitere Abklärung des Herzens durch einen Kardiologen nötig. Mit einer Ultraschalluntersuchung kann man die meisten Herzerkrankungen ausschließen, in seltenen Fällen kann auch eine Herzkatheteruntersuchung notwendig werden. Orthopädische Probleme müssen, falls vorhanden, durch einen Facharzt abgeklärt werden.

Wie viel Sport ist gesundheitsfördernd? Kann ich zu viel Sport machen?
Unter dem gesundheitlichen Aspekt ist für Menschen im mittleren bis fortgeschrittenen Alter moderater Ausdauersport wesentlich besser geeignet als Kraftsport oder Sportarten mit hoher Intensitätsbelastung. Da ist es egal, ob man läuft, walkt, schwimmt, Rad fährt oder Skilanglauf macht, Hauptsache man bewegt sich. Ausdauersport beugt Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. Die Regelmäßigkeit ist am wichtigsten. Ich sage immer: Moderates Training ist wie ein Medikament. Das muss ich kontinuierlich „einnehmen“. Pausiere ich ein Vierteljahr, wirkt mein „Medikament“ nicht mehr. Bei Sport zur Gesundheitsförderungen geht es nicht um Spitzenleistungen.

Bei welchen Krankheitssymptomen darf ich noch Sport machen, bei welchen Symptomen sollte ich Sport auf jeden Fall vermeiden?
Bei Fieber gilt immer absolutes Sportverbot. Da sollte man auch nach Entfieberung mindestens 4 Tage warten, bevor man leichten Sport wieder aufnimmt. Bei Husten oder Schnupfen sprechen wir überwiegend von Erkrankungen der oberen Atemwege. Sofern dann keine weiteren Symptome auftreten, kann man noch moderat Sport treiben. Auch hier sollte man aber intensivere Belastungen vermeiden und kein striktes Trainingsprogramm durchziehen, sondern die Trainingseinheiten anpassen. Es gibt leider keine harten Kriterien, was man ab wann noch darf und was nicht. Wichtig ist deshalb immer, in sich selbst hinein zu hören.
Es gibt aber einen sehr genauen Parameter für alle Sportler*innen, die ihre Herzfrequenz beobachten: Bei allen Infektionen, egal ob diese mit Fieber einhergehen oder nicht, steigt akut die Ruheherzfrequenz. Misst man den Ruhepuls morgens noch vor dem Aufstehen im Bett, ist der in der Regel nahezu gleich. Eine Veränderung erfolgt nur langsam zum Beispiel mit steigendem Lebensalter oder durch Veränderung der sportlichen Aktivitäten. Erhöht er sich akut um 5 bis 10 Schläge, kann man davon ausgehen, dass der Körper gegen einen Infekt kämpft. Dann ist eine Pause oder eine geringe Intensität angesagt.

Was passiert, wenn ich keine Sportpause mache?
Man weiß, dass die besagten oberen Atemwegsinfektionen, ausgelöst durch unterschiedliche Viren, meist harmlose Infektionen sind. In etwa 5 bis 10 Prozent der Fälle ist jedoch das Herz mitbeteiligt. Die Viren werden dann im Körper durch die Blutbahn verteilt und befallen den Herzmuskel. Dann besteht die Gefahr einer Herzmuskelentzündung. Dies geht nur selten mit Symptomen einher, fällt also nicht unmittelbar auf. Symptome können Atemnot, ein Belastungsgefühl bei geringer Anstrengung, sprich Bagatellaktivitäten, die einem sonst leichtfallen oder ein Beklemmungsgefühl in der Brust sein. Wenn man eins der Symptome oder gar mehrere in Kombination verspürt, sollte man einen Arzt aufsuchen. So etwas wird von Sportlern häufig übergangen, da sie es gewohnt sind an Grenzen zu gehen.
Zwar heilen Herzmuskelentzündung in den meisten Fällen komplett aus, ohne dass jegliche Defizite zurückbleiben, zunächst ist aber nach Diagnosestellung durch einen Kardiologen eine totale Sportpause von circa 3 bis 6 Monaten angesagt. In wenigen Fällen, weniger als 10 Prozent, kommt es zu einer dauerhaften Schädigung des Herzmuskels mit nachfolgender Herzschwäche und Einschränkung der körperlichen Leistungsfähigkeit.

Kann ich meine Genesung beschleunigen?
Nicht kausal. Gegen Virusinfektionen gibt es im Prinzip nichts was man tun kann, wenn sie erstmal da sind. Das sehen wir ja momentan bei COVID-19. Gegen die Grippe gibt es da vorbeugend die Grippe-Impfung. Infektionsrisiko bei sportlicher BelastungDas empfehle ich jedem, der viel mit Menschen in Kontakt und älter als 50 bis 60 Jahre ist. Die Impfung ist einmal im Jahr fällig, da Grippeviren sich ständig verändern.
Für die Erkältungszeit sollten Sportler aber auf jeden Fall folgendes Wissen: Die Empfänglichkeit für Infektionen wird durch intensive Belastungen massiv gesteigert; das Immunsystem ist dann am anfälligsten. Verspüre ich also schon ein Kratzen im Hals, sollte ich auf den Tempolauf besser verzichten und lieber einen lockeren Dauerlauf machen. Man hat das zum Beispiel anhand von Marathonläufern untersucht. Die Infektionsrate ist bei Trainingsbeginn gering und steigt mit wachsendem Trainingsumfang. Die Läufer*innen, die den Marathon dann liefen, hatten unmittelbar nach dem Wettkampf ein hohes Infektionsrisiko, während die, die kurzfristig doch nicht liefen seltener Infektionen hatten.

Ab welchem Alter sollte ich als Sportler gesundheitliche Vorsorgeuntersuchungen machen?

Ein generelles Alter gibt es nicht, man muss individuell entscheiden. Ein entscheidender Faktor ist aber die familiäre Vorbelastung. Gibt es in der Blutsverwandtschaft Fälle von Bluthochdruck, Schlaganfall, Herzinfarkt, Diabetes gehöre ich zur Risikogruppe. Dann sollte ich mich trotz oder gerade wegen des regelmäßigen Sports untersuchen lassen. Als Mann ist man in der Regel früher gefährdet. Frauen betreffen Herzerkrankungen später: Solange Frauen noch ihre Regelblutung haben, können Östrogene vor Durchblutungsstörungen und Arterienverkalkungen schützen. Allgemein kann man aber sagen: Das Risiko steigt ab dem 50. Lebensjahr stetig an. Hinzu kommt natürlich der Lebensstil: Rauchen erhöht das Risiko für Herz- und Lungenerkrankungen zum Beispiel stark. Es wirkt wie ein Brandbeschleuniger, insbesondere bei Risikogruppen. Wichtig ist auch: Risikofaktoren addieren sich nicht, sie multiplizieren sich. Das Risiko wächst exponentiell an. Das höchste Risiko bietet aber die familiäre Vererbung.

In den Medien hört man immer wieder von Sportlern, die bei einem Wettkampf plötzlich tot umfallen. Was passiert da?
Der plötzliche Herztod bei Sportlern über 40 Jahren wird in der Regel durch Durchblutungsstörungen des Herzens, auch koronare Herzerkrankung genannt, ausgelöst. Regelmäßiger Ausdauersport schützt davor, einen plötzlichen Herztod zu erleiden, aber wenn er kommt sind meist sportliche Höchstleistungen der Trigger. Die sportliche Belastung bringt dann in dem Fall das Fass zum überlaufen. Das nennt man auch das Sportparadoxon. Es passiert allerdings sehr selten. Aktuelle Zahlen sagen, dass 5-8 Personen pro 100.000 Breitensportler pro Jahr einen plötzlichen Herztod erleiden. Deswegen sind auch nur gezielte individuelle Vorsorgeuntersuchungen nach Risikoabschätzung sinnvoll.